Wie Schüler in die Rolle von Straßenkindern schlüpfen

P1140301Vier Stunden lang nahmen Haßfurter Realschüler am Dienstag die Rolle von Straßenkindern ein. Damit ernteten sie viel Lob, erlebten aber auch Enttäuschungen. Der Autofahrer ist an der Tankstelle noch nicht richtig aus seinem Lada ausgestiegen, da umlagern ihn schon drei Kinder, bewaffnet mit Wassereimer und Scheibenreiniger. Nach einem kurzen Gespräch sind sich beide Parteien einig und die drei Jungs beginnen damit, die Windschutzscheibe des Autos zu putzen. Die Szene spielte sich am Dienstag nicht etwa irgendwo in einem Entwicklungsland ab. Nein, die drei Jungs, die ihre Dienste anbieten, stehen an einer Tankstelle im Gewerbegebiet Godelstatt in Haßfurt. Sie und ihre Klassenkameraden der 8c von der Dr.-Auguste-Kirchner-Realschule Haßfurt schlüpften für ein paar Stunden in die Rolle von Straßenkindern, wie es sie in vielen armen Ländern dieser Welt gibt. In Lateinamerika, in Afrika, aber auch in Portugal, Bulgarien oder Russland putzen Kinder und Jugendliche für ein paar Groschen Autoscheiben, packen in Geschäften für Kunden die Einkäufe in Tüten, kehren Parkplätze, verkaufen selbst gebasteltes Spielzeug oder verkaufen im schlimmsten Fall ihren eigenen Körper als Prostituierte.

Weltweit arbeiten laut internationalem Kinderhilfswerk Unicef etwa 152 Millionen Kinder. Viele dieser Mädchen und Buben werden ausgebeutet, schuften für niedrigste Löhne zu schlimmsten Bedingungen und dürfen niemals eine Schule besuchen, schreibt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen auf seiner Website. Auf dieses Elend wollen Lehrerin Julia Schneider und ihre Klasse mit dieser Aktion kurz vor Weihnachten hinweisen. Die Jugendlichen nehmen kein Geld für ihre Dienste an, freuen sich aber über Spenden. Und die fließen reichlich in den wenigen Stunden, in denen die Aktion läuft

Idee aus dem Erdkundeunterricht

"Das ist eine gute Sache von den Kindern. Schön, dass sie auf das Problem der Kinderausbeutung so in der Öffentlichkeit hinweisen", kommentiert Thomas Mantel aus Knetzgau, an dessen Auto die drei Jungs gerade die Windschutzscheibe blitzblank putzen. Im Erdkundeunterricht hatte die Klasse von Julia Schneider das Thema "Straßenkinder" aufgegriffen. Dabei kam schnell heraus, dass dieses Problem nicht nur in weit entfernten Ecken der Welt existiert.

"Jeder hat verdient, ein gutes Leben zu haben."

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Louis Ferreira, Schüler aus Wülflingen

In Portugal beispielsweise bieten Kinder auf der Straße billiges Spielzeug an - oft erfolglos, wie Luis Ferreira selbst schon gesehen hat. Er ist einer der drei fleißigen Scheibenputzer, sein Vater ist Portugiese, seine Großeltern leben heute noch dort. Das Elend dieser Kinder ist also für den Teenager aus Wülflingen gar nicht so weit weg, wie man annehmen könnte. "Jeder hat verdient, ein gutes Leben zu haben", findet Luis und sammelt deswegen gerne mit dieser Aktion Spenden für Kinder, die sich um ihre nächste Mahlzeit sorgen und nicht darum, ob in wenigen Tagen ein neues Smartphone unter dem Weihnachtsbaum liegen wird. Auch alle seine 17 Klassenkameraden sind mit Eifer bei der Sache. Dazu gehört auch Elka Ivanova aus Zeil. Die 15-Jährige verbrachte ihre ersten Lebensjahre in Bulgarien. "Wir hatten zu Hause keine Toilette und trotzdem ging es uns noch vergleichsweise gut", erinnert sich Elka. "Auch in Bulgarien gibt es Kinder, die Müll sammeln oder ihren Körper verkaufen - sie müssen menschenunwürdige Dinge tun, um zu überleben. Da wollen wir helfen", sagt die 15-Jährige, während Marianne Lang ein paar Geldstücke in eine Sammeldose wirft. Wie die meisten Passanten, die an diesem Vormittag im Gewerbegebiet Godelstatt ihre Einkäufe erledigen, freut sich die Prappacherin über das Engagement der Jugendlichen. "Gerade jetzt kurz vor Weihnachten ist es schön, dass die Kinder hier darauf aufmerksam machen, dass es anderen in der Welt schlecht geht", sagt Marianne Lang.

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Spendenbox füllt sich

Nicht überall stoßen die Kinder mit ihrer Aktion auf Akzeptanz. Eduard, Max und Guy-Lennox, die in ihrem Bauchladen in langen Stunden selbst gebastelteten Weihnachtsschmuck gegen eine kleine Spende abgeben, werden vom Parkplatz eines Geschäfts vertrieben, lassen sich davon aber nicht entmutigen und bieten in ein paar Metern Entfernung weiter ihr Gebasteltes an. Diese Zurückweisung bleibt ohnehin die Ausnahme. Auch Maximilian und Dennis, die in einem Geschäft die Einkäufe der Kunden auf Wunsch in Tüten packen, haben keinen Grund zur Klage. Beinahe jeder Kunde freut sich über den Extra-Service und ist gerne bereit, es in der Spendenbox klingeln zu lassen.

Die Spenden - alleine innerhalb der ersten Stunde kamen an den verschiedenen Stationen insgesamt mehr als hundert Euro zusammen - sollen an die Organisation "Terre des Hommes" und an den Verein "Straßenkinderhilfe" aus Schweinfurt gehen, wie Lehrerin Julia Schneider erklärt. Doch das ist nur das eine Ziel des Projekts. Das andere besteht darin, den Jugendlichen einen anderen Blickwinkel auf ihr eigenes Leben zu eröffnen: "Wenn auch nur zwei Schüler aus der Klasse heute Abend für sich daheim denken ,so schlecht ist mein Leben doch gar nicht', dann haben wir doch schon viel geschafft. Und in dieser Gruppe werden es bestimmt mehr als zwei sein."

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Zahlen und Fakten zum Thema "Straßenkinder"

Insgesamt gehen weltweit 218 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren einer Arbeit nach, wenn man ausbeuterische Kinderarbeit und legale Beschäftigung zusammenzählt, schreibt das Kinderhilfswerk Unicef auf seiner Website. Von ihnen sind 152 Millionen Mädchen und Jungen – fast jedes zehnte Kind – nach aktueller Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) Kinderarbeiter. Das heißt, sie müssen unter Bedingungen arbeiten, die sie ihrer elementaren Rechte und Chancen berauben.

Insgesamt arbeiten laut Unicef mehr Jungen (88 Millionen) als Mädchen (64 Millionen). Fast die Hälfte der Kinderarbeiter – 73 Millionen – leidet unter Arbeitsbedingungen, die gefährlich oder ausbeuterisch sind – zum Beispiel in Goldminen in Burkina Faso, als Textilarbeiter in Bangladesch, auf Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste oder auf Farmen in Lateinamerika. 48 Prozent der Kinderarbeiter sind unter 12 Jahre alt. Die meisten Mädchen und Jungen, die arbeiten müssen (72 Millionen), leben in Afrika, gefolgt von Asien (62 Millionen).

Link zum Fernsehbericht des Bayerischen Rundfunks

Quelle: www.mainpost.de

 

Kontakt

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97437 Haßfurt

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